Elektrisches Licht aus dem Kuhstall

Ende Juni traf sich die Regionale kirchliche Umweltgruppe Jüterbog auf dem Gelände der Jüterboger Agrargenossenschaft Bürgermühle. Nach Protest gegen Massentierhaltung folgten wir einer Einladung des Vorsitzenden, Mario Schwanke, zur Besichtigung einer konventionell betriebenen Milchviehanlage vor den Toren unserer Stadt.

Viele Menschen fahren täglich auf der B101 am riesigen neuen Stallgebäude vorbei. Wer aber weiß schon, was sich dahinter befindet? Längst dreht sich auf dem Hügel keine Mühle mehr. Dass sich dort nun ein computergesteuertes Melkkarussell bewegt, ist nicht zu hören und zu sehen. Hier werden Kühe zweimal täglich gemolken, 140 pro Stunde sind möglich. Für 3,5 Mio Euro sind neue Gebäude und Anlagen errichtet worden. Im größten Stall sind 700 Kühe untergebracht, die an einem Tag ca. 20.000 l Milch geben: Hochleistungstiere.

Ist das nötig und artgerecht? Andererseits freuten wir uns, wie sehr auf das Tierwohl geachtet wird. Die Kühe werden im Durchschnitt 6,7 Jahre alt. Sie haben viel Bewegungsraum, Antibiotika bekommen nur kranke Tiere. Der Automatisierungsgrad ist hoch: Motor getriebene Bürsten massieren juckende Kuhrücken. Futterroboter, Sensoren für die Beschattungsanlage und elektronisch gesteuerte Kuhtreiber ersetzen menschliche Arbeitskraft. Nur zwei Leute arbeiten hier pro Schicht. Die Technik beunruhigt und stresst die Tiere nicht. Zufrieden und betont gelassen bewegen sie sich zum Melken oder zur Ruhe.

Ein angenehmer Luftzug durchströmt die 136 m lange und 36 m breite Halle. Die Kühe leben friedlich miteinander in vier Gruppen. Ihr Futter stammt größtenteils aus eigener Landwirtschaft, nur spezielles Kraftfutter wird zugekauft. Gülle wird zur Stromerzeugung für Eigenverbrauch in die betriebliche Biogasanlage geleitet, Überschüsse werden ins öffentliche Netz eingespeist.

Licht aus dem Kuhstall also! Sorgen machen den Milchbauern die Preise. Gut wäre es, wenn wir als Verbraucher ihre Arbeit mit dem Kauf von Frischmilch unterstützten. Von 0,22 Euro, die die Großhandelsketten für einen Liter bezahlen, kann man auf Dauer nicht existieren. In den Verkaufsstellen der Neumarkt Fleischerei wird Milch angeboten, die köstlich schmeckt, garantiert sauber ist und direkt von hier. Beim Kauf zu 2,- Euro pro Liter helfen wir unseren Bauern und vermeiden Subventionen. Allerdings muss der Großteil der hier produzierten Milch bis nach Bad Biebra in Thüringen gefahren werden, weil infolge des Molkereisterbens kein Betrieb in vernünftiger Erreichbarkeit verfügbar ist. Rechnen wir die Kraftstoffpreise für die 200 km, die Fahrzeit von drei Stunden  für eine Strecke hinzu, können wir leicht erkennen, die Milchpreise im Supermarkt sind ein Hohn. Fazit: Wir bevorzugen biologische Landwirtschaft, wie sie z.B. »Bobalis«, der Nachbar der Agrargenossenschaft, betreibt, weil dort auch der Futteranbau biologisch geschieht. Aber wir konnten uns in der Agrargenossenschaft Jüterbog davon überzeugen, dass Tierwohl und moderne Milchproduktion sich nicht widersprechen müssen. Übrigens: Einmal im Monat (Voranmeldung!) finden dort öffentliche Führungen statt.

Guntram Falk